Zurück und in Bestform: Ride im Festsaal Kreuzberg

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Es ist ein ekliger, verregneter Berliner Sonntagabend. Das Gelände, auf dem der Festsaal Kreuzberg liegt, wirkt irgendwie verlassen. Es herrscht so eine After-Party Stimmung. Liegt wohl am Wochentag. Dass in dieser doch überschaubaren Lokalität eine der größten englischen Bands der frühen 90er auftritt, ist für Fans großes Glück. In der britischen Heimat wird man ihnen kaum so nah kommen können.

Ride lösten die Shoegaze-Welle aus, die einige Jahre hielt und sich dann in Britpop auflöste. Die Band trennte sich 1996, kam 2014 wieder zusammen und tourt nun mit neuem Album. Musikalische Comebacks haben gerade Konjunktur. Aber wie gut funktioniert eine Band, die fast 20 Jahre inaktiv war? Und wie wird die Musik vom neuen Publikum aufgenommen?

French Shoegaze band Dead Horse One in BerlinIn den Fußstapfen der Vorbilder

Im noch wenig gefüllten Saal leiten zunächst Dead Horse One den Abend ein. Die sympathische französische Band hat denn auch genau das zu verteilen, was heute gefragt ist: Shoegaze. Zwei Gitarren und ein Bass sorgen für einen dicht klingenden Sound, der darüber hinaus sehr klar abgemischt ist. Einzig der Gesang ist nicht gut zu verstehen, was aber nicht sonderlich ins Gewicht fällt.

Das Quintett, das sich nicht um große Ansagen schert, rennt bei den Zuschauern offene Türen ein, so sehr erinnern die Songs eben genau an Vorbilder wie My Bloody Valentine oder Ride. Wo diese aber wussten, ein Lied gekonnt in die Länge zu ziehen und damit gerade die hypnotische Wirkung der gleichbleibend schmetternden Instrumente zu steigern, begnügen sich Dead Horse One mit braven Strukturen, die niemals ausarten und da aufhören, wo es eigentlich interessant wird.

Mark Gardener from Ride playing guitar at a concert in BerlinPerfekt funktionierendes Gitarren-Duo

Nach einer halben Stunde Umbaupause, der Festsaal unterdessen gut gefüllt, kommen dann zu einer ruhigen Musik vom Band und bei wenig Licht die vier Herren von Ride auf die Bühne.
Die beiden Gitarristen und Sänger Mark Gardener und Andy Bell werden von je einem extra Scheinwerfer von unten beleuchtet und stehen vor einem ganzen Arsenal von Gitarren-Fußpedalen. Gardener trägt schicke Lederschuhe, ein weißes Hemd und darüber eine schwarze Jacke, Bell eins seiner geliebten blau-weiß gestreiften Tshirts und Turnschuhe.

Nach einem eher ruhigen Einstieg feuert die Band mit „Seagull“, dem Eröffnungsstück der gefeierten Debut-LP „Nowhere“, schon früh den ersten Höhepunkt des Abends ab. Lead-Gitarrist Bell, spätestens seit seiner Zeit bei Oasis allen für seinen steinernen Gesichtsausdruck auf Konzerten bekannt, kommt erstmals in Schwung und begeistert mit einem ausgedehnten Wah-Wah-Gitarrensolo. Gardener spielt dazu die Rhythmus-Gitarre und schwingt die Knie, als würde er einen verlangsamten Twist tanzen.

Guitarist Andy Bell from Ride during a concert in BerlinDas Alte begeistert, das Neue muss mit

„We’re happy to be here. Berlin is a great city.“ – „I heard, Anton Newcombe lives in Berlin.“ werden die zwei Frontmänner von Ride zwischendurch mal los. Ansonsten reicht ihnen ein hin und wieder genuscheltes „Thank you“ an wörtlicher Kommunikation mit dem Publikum aus.

Die Band spielt sich volle zwei Stunden durch ihre Diskographie. Die Stücke vom neuen Album wirken dabei bis auf wenige Ausnahmen in diesem Konzert eher wie Füllmaterial. Um sich nicht völlig zu wiederholen, kopiert die Band auf „Weather Diaries“ nicht so sehr den Shoegaze- und Dreampop-Sound aus den 90ern. Hier finden sich eher melodisch dahingondelnde Midtempo-Rocksongs ohne die Wucht mancher früherer Lieder.

Eher ruhig klingt das neue Material, erfüllt damit aber seine Funktion im Spannungsbogen des Abends: Klassiker wie das unwiderstehliche „Twisterella“ oder das hypnotische, 8 Minuten lange „Leave them all behind“ lösen Begeisterungsrufe aus.

Ride and Anton Newcombe, concert in Berlin (2017)Anton, was machst du Sonntagabend?

Während der Zugabe setzt es noch eine besondere Überraschung. Für das Instrumental-Stück „Grasshopper“ holen Ride „einen Freund“ hinzu. Mit breitbeinigem, etwas unbeholfen wirkenden Schritt tritt ein Elvis-Imitat in weißem Anzug, Koteletten und dicker Sonnenbrille auf die Bühne – und erweist sich als vorhin erwähnter Anton Newcombe vom Brian Jonestown Massacre!

Mit drei Gitarren wird nun ausgiebig drauf losgedrescht. Das Jam-Stück wirkt auf erfrischende Weise wie eine einzige Improvisation. Bell, Gardener und Newcombe stehen nah beieinander, kommunizieren über ihre Instrumente. Newcombe wirkt ein wenig benebelt, läuft während des Spielens öfters zum Bühnenrand, um dort gleich wieder kehrt zu machen und stellt ständig etwas an seiner Gitarremklang um. Das Ergebnis hört man bei den parallel spielenden Ride-Brüdern kaum.

Nachdem Newcombe, der Anti-Rockstar, ohne sich groß feiern zu lassen wieder abmarschiert, geben Ride noch ein paar letzte Nummern obendrauf und räumen dann unter großem Applaus ebenfalls das Feld. Ob die reformierte Band noch dauerhaft weiter touren und aufnehmen wird, weiß man nicht so recht. Aber momentan haben sie wieder große Freude daran, live zu spielen. Das merkt man.

Text und Bild: Bastian Geiken