Retro mal anders: Nouvelle Vague im Postbahnhof

von

2004 gründeten die beiden französischen Musiker, Produzenten und Szene-DJs Marc Collin und Olivier Libaux das Projekt Nouvelle Vague. Die Anfangsidee: New-Wave- und (Post-)Punk-Klassiker im Bossa-Nova-Stil neu einzuspielen und von unverbrauchten jungen Damen singen zu lassen, die keine oder nur wenig Erfahrung als Sängerinnen haben und am besten sogar mit dem Liedgut nicht einmal vertraut sind! Daraus sollte ein frischer neuer Mix entstehen. Klingt zumindest wagemutig. Funktioniert aber nunmehr schon im zwölften Jahr ganz ausgezeichnet!

Die Talentschmiede

Das Projekt hat sich quasi verselbständigt: das stetig größere Öffentlichkeitsinteresse hat zu sechs Alben geführt. Und die Coverband mit ständig wechselnder Gesangsbesetzung ist nicht nur selbst erfolgreich, sondern hat sich auch als Talentschmiede bewährt: viele der vormals kaum bekannten Sängerinnen verfolgen heute Solo-Karrieren. Das gilt auch für die aktuelle Besetzung: Elodie Frégé, Mélanie Pain (hier im Interview mit indieberlin über ihr neues Album „Parachute“) und Liset Alea. Letztgenannte, die aus Kuba stammt, in den USA aufwuchs und danach auch schon in diversen europäischen Städten wohnte, übernimmt auf dieser Tour außerdem den Part der Vorband (zwei Konzerte jeden Abend!) und betritt um Punkt 20 Uhr in rotes Licht getaucht die Bühne.

Minimalistischer Neo-Folk

Was Alea uns darbietet, ist eine Art Neo-Folk. Die halbakustische Gitarre ist mit einem Effektpedal verbunden, was der Musikerin erlaubt, innerhalb eines Stückes den Farbton zu wechseln, verschidene Effekte wie Hall einzusetzen und eine tiefe Atmosphäre zu erzeugen. Unterstützt wird sie von einem jungen Mann, der abwechselnd (oder gleichzeitig) Keyboard und Percussions spielt. Die Lieder der exotischen Weltbürgerin schweben langsam dahin, warten nie mit einem einfachen Mitsing-Refrain auf und sind trotzdem fesselnd, weil sie wahr, im Sinne von wirklich erlebt, und vertraulich wirken. Die seit 2009 bei Nouvelle Vague engagierte Künstlerin hätte vielleicht gut daran getan, die Musik ein wenig mehr fließen zu lassen, statt jedes Lied mit einer kleinen Anekdote aus ihrem Leben anzukündigen. Das war zwar auch zumeist charmant, aber in der Summe ein bisschen zu viel.

Heimeliges Ambiente

Ebenfalls pünktlich – um 21 Uhr – erlöschen dann die Lichter im Saal und auf der Bühne zeichnet sich ein Kreis aus übergroßen Glühbirnen ab, die gelb leuchten und blinken. Dann betritt die Band in diesem Halbdunkel die Bühne. Marc Collin nimmt rechts hinten am Keyboard seinen unauffälligen Platz ein. Olivier Libaux, tiefentspannt wirkend, setzt sich vorne links auf einen Stuhl, nimmt seine halbakustische Gitarre zur Hand und spielt die ersten Akkorde des Openers und Namensgebers des gerade erschienenen neuen Albums „I could be happy“ (im Original von Altered Images). Die Stimmen von Mélanie und Elodie ergänzen sich wunderbar, die Rhythmen der Lieder sind durch Percussions und Akustik-Bass leicht und beschwingt. Die Größe der Halle ist für diese Art Musik genau angemessen.

Nouvlle Vague live press photo by Rod Maurice (rights reserved)Die Damen

Mélanie und Elodie singen im durchgehenden Wechsel, wodurch eine schöne Abwechslung und Balance entsteht: die rothaarige Elodie gibt die Wilde, Verführerische, Sinnliche; Mélanie die Kontrollierte, Sanfte, Unschuldige, das kleine Mädchen mit der schönen hellen Stimme. Die beiden harmonieren sehr gut. Als in der Mitte des Konzerts Liset Alea (bis dahin im Hintergrund an Percussions und Gitarre tätig) wieder ans Mikro tritt, um u. A. das spanische „Algo familiar“ zu singen, bilde ich mir ein, zu bemerken, wie sie Elodie ein wenig die Show stehlen will. Beide sind auf ihre Art sehr einnehmend, spielen gern mit der Aufmerksamkeit des Publikums; stehen sie nebeneinander, wirkt die Konstellation ein bisschen gefährlich. Aber auch das ist vielleicht eine wohldosierte Zutat fürs Erfolgsrezept.

(Post-) Punk und New Wave: Kleiner Exkurs

Die Damen singen sich also durch die späten 70er (z. B. „I wanna be sedated“ von den Ramons und „Ever fallen in love“ von den Buzzcocks, ) und vor allem durch die 80er („All cats are grey“ von The Cure, „Just can’t get enough“ von Depeche Mode…). Neben den populären Liedern, die ohnehin wirklich gut interpretiert sind, wird es vor allem dann interessant, wenn man weniger bekanntes Material zu hören kriegt (wie „Love comes in spurts“ von Richard Hell and the Voidoids, oder „Athol Brose“ von Cocteau Twins).

Abwechslungsreiche Musikrevue

Auch ihre Bühnenshow haben Nouvelle Vague über die Jahre perfektioniert. Vor allem Elodie flirtet mit dem Publikum, ihr Schreiten und Tanzen und ihre Mimik sind mal Cabaret, mal Rock’n’Roll. Beim düster-dramatischen „Human Fly“ (von The Cramps, das Keyboard imitiert die Klangkulisse eines 50er-Jahre Horrorsteifens), stolpert sie wie von Krämpfen geschüttelt über die Bühne und singt, als wolle sie um Hilfe schreien. Beim sonnigen Liebeslied „La pluie et le beau temps“ (eine Eigenkomposition von Olivier Libaux) gibt sie schließlich die damenhafte Chansonsängerin.

Nach zwei Zugaben (unter anderem mit einem unvermuteten, sehr schönen klassischen Bass-Solo) und einem großen Publikumschor bei Joy Divisons „Love will tear us apart“ endet die kleine Zeitreise. Wer Nouvelle Vague kennt, sollte unbedingt mal ein Konzert besuchen, weil sich manche Lieder live erst richtig entfalten. Ein kleines bisschen begleitet mich zwar das Gefühl, ich hätte heute Abend eher eine Theaterrevue als ein „richtiges“ Konzert gesehen. Aber an einer guten Revue ist ja auch nichts auszusetzen.

Review: Bastian Geiken