Feedback-Orkan: The Warlocks im Bi Nuu

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Bis vor zwei Wochen waren mir The Warlocks absolut kein Begriff. – Fragezeichen? – Die Gruppe entstand 1998 in Los Angeles. Gründungsvater und einziges festes Bandmitglied Bobby Hecksher spielte vormals in Anton Newcombe’s heute legendärer Gruppe The Brian Jonestown Massacre.

Wie „BJM“ sind auch die Warlocks, wenn man unbedingt kategorisieren will, unter Neo-Psychedelic Rock einzuordnen. Gemeinsam sind beiden Bands auch die häufigen Personal- und Labelwechsel, die stetige Neuausrichtung und die große Skepsis gegenüber der kommerziellen Musikindustrie. Die Warlocks, die nächstes Jahr 20-jähriges Bestehen feiern, sind künstlerisch unabhängig geblieben und spielen großartige Sets in kleinen Clubs – wie gestern im Bi Nuu.

JC Rees from The Warlocks during a concert at Bi Nuu, Berlin, 2017Düsterer Auftakt

Das Saallicht erlischt, von der Bühne aus scheint minimales rotes und blaues Licht in den Zuschauerraum hinaus, sodass von den vier Warlocks zuerst nur unbestimmte Schatten zu sehen sind. Sogleich groovt sich die Band mit zwei, drei eher melodisch-langsamen Stücken vom aktuellen Album „Songs from the pale eclipse“ ein.

Heckshers helle Stimme ist verblüffend jung geblieben und auch die Texte wenigstens der ersten paar Lieder klingen passenderweise ziemlich nach hoch stilisiertem Teenie-Herzschmerz à la The Cure. Ein zunächst eher schwermütiges Schlagzeug, ein unaufdringlicher Bass und ein schwebender, hallender Gitarrenklang bilden das dazu passende dunkle Gewand.

Chris di Pino from The Warlocks during a concert at Bi Nuu, Berlin, 2017„So you like the harder stuff.“

Richtung Stimmung kommt dann aber auf, als die Band die rockigeren, älteren Stücke auspackt, allen voran das wunderbare „Shake the dope out“, in dem auch der Einfluss von Shoegaze-Bands wie The Jesus and Mary Chain auf die Warlocks zutage tritt.

Die beiden Gitarristen Hecksher und John Christian Rees sind der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Auch wenn der Rollenverteilung nach Hecksher Rhythmus- und Rees Leadgitarre spielt, gibt es immer wieder ein schönes Wechselspiel zwischen den beiden, Soli werden hin und her getauscht. Es kommt Bewegung in die Menge, wird nach vorn gedrängelt, getanzt und gesprungen. „So you like the harder stuff“, stellt Hecksher zufrieden fest. „Ok! Note to self.“ Merk ich mir.

Da habt ihr’s!

Über frühere Konstellationen der Warlocks kann ich nicht urteilen, doch das jetzige Line-Up ist wirklich außerordentlich gut aufeinander eingespielt. Mühelos scheinen sie Auftritte wie den heutigen zu absolvieren, in sich ruhend, cool und unprätentiös. Sie buhlen an keiner Stelle um die Aufmerksamkeit des Publikums und schenken sich fast jede Ansage. Ein bisschen Animation hätte das Berliner Publikum aber vielleicht gebraucht, das nach immerhin drei Vorbands um mittlerweile Mitternacht doch etwas müde wurde.

JC Rees from The Warlocks during a concert at Bi Nuu, Berlin, 2017Feedback-Orkan

Das Ende des regulären Sets beendet die Band mit einem „Drone-Song“. Bei dem jammigen Instrumental-Stück spielen die zwei Gitarristen lange Improvisationen über einen größtenteils gleichbleibenden Klangteppich, was ein beinah schwindelig machendes „Dröhnen“ auslöst – Gruß an Lou Reed und John Cale!

Lead-Gitarrist Rees löst zum Ende einen wahren Orkan aus Feedback-Geräuschen aus. Als letzter verlässt er die Bühne und lehnt sein Instrument so gegen den Verstärker, dass uns die herrliche Rock-Kakophonie noch über seinen Abgang erhalten bleibt. Als der Feedback-Lärm sich nach einer Minute zu kräuseln beginnt, kehren die vier Musiker zurück und geben noch einmal zwei Songs drauf.

Notiere in dein Indie-Rockband-Handbuch unter „W“: The Warlocks sind ein weitgehend unterschätztes US-amerikanisches Untergrund-Phänomen. Und sie rocken. Bildungslücke geschlossen.

Text und Bild: Bastian Geiken